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Identitätsprobleme von Süd-Aserbaidschanern in der Nord- Aserbaidschan

Fremde unter Eigenen?

Identitätsfindung von Süd-Aserbaidschanern in der Sowjetrepublik Aserbaidschan im Lichte Ihrer Lebenserinnerungen“

Um die Zeit der Vereinigung von BRD und DDR zur jetzigen Bundesrepublik Deutschland wurde mit besonderem Nachdruck auf die Existenz von weiteren “geteilten Völkern und Territorien” verwiesen; zu diesen gehören auch Aserbaidschan und die Aserbaidschaner.
Das vorliegende Forschungsprojekt untersuchte das Problem der Selbstidentifikation iranischer (Süd-) Aserbaidschaner im politischen Exil in der Sowjetunion und speziell im sowjetischen (Nord-) Aserbaidschan.  Dabei handelte es sich um Politemigranten-Kommunisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Wellen emigrierten und somit zwei Generationen bildeten: die erste kam in den 40er, die zweite in den 80er Jahren des 20. Jh.s.

Auf der Grundlage von Lebensgeschichten und retrospektiven Interpretationen und Sinngebungen einer Gruppe von Personen, die aus politischen Gründen von der “einen Hälfte ihrer geteilten Heimat” in “die andere Hälfte” geflüchtet waren, soll der Frage nachgegangen werden, wie sich Individuen und Gruppen zwischen den in diesem Fall sehr ambivalenten Polen des Eigenen und des Fremden Identität(en) finden und konstruieren – eine Erfahrung, die mutatis mutandis auch Angehörige von näher liegenden geteilt-vereinten Völkern betreffen könnte.
Das Forschungsvorhaben soll einen Beitrag zur Erforschung der Geschichte eines im 19. Jahrhundert durch die Grenzziehung zwischen Persien und dem Russischen Reich geteilten Volkes, nämlich der Aserbaidschaner, leisten, die heute in der Islamischen Republik Iran und in der Republik Aserbaidschan leben.

Auf der Grundlage von historischen Quellen, der Auswertung von Publikationen und vor allem von geführten Interviews mit Vertretern der 1. und 2. Generation der Emigrantengruppen konnten wichtige Probleme ihrer Selbstidentifikation aufgedeckt werden. Überwiegend wurden Oral history-Methoden genutzt. Insofern gab die Analyse und Interpretation verschiedener Gruppen von autobiographischen Erinnerungen die Möglichkeit, auf der Basis der jeweils subjektiven Rekonstruktion des Lebenslaufes allgemeine und gruppenspezifische Probleme der Selbstidentifikation und Integration von iranischen Emigranten in den Einwanderungsmilieus zu erforschen.

Während vermutlich die meisten Emigranten und Emigrantinnen wissentlich und bewusst in die Fremde fliehen und sich in eine anerkanntermaßen fremde Aufnahmegesellschaft einfinden müssen, mögen die Menschen, um die es hier geht, bei ihrer Flucht im Vertrauen auf die geltenden Zuschreibungen davon ausgegangen sein, am Zielort etwas Eigenes vorzufinden. Was wie ein erleichternder Faktor hätte wirken können, sollte sich in der Realität für viele der Geflohenen allerdings nicht nur als nicht sehr hilfreich, sondern sogar als zusätzliche Erschwernis erweisen: Zwar durften sie sich ethnisch und sprachlich als “Aserbaidschaner” definieren und verschmolzen statistisch besehen mit der größten Bevölkerungsgruppe der Aserbaidschanischen SSR  -   hinsichtlich politischer und sozialer Faktoren unterschied sich die neue Heimat allerdings aufs schärfste von der alten Heimat Iran.
Aus der stark durch den schiitischen Islam geprägten, mehrheitlich agrarisch-feudalen und ansatzweise kapitalistischen Gesellschaft Irans kommend, hatten sich die Immigranten jetzt in der militant antireligiösen, (auch im agrarischen Bereich) industrialisierten, sozialistischen Sowjetrepublik Aserbaidschan zu orientieren. Eine gewisse Analogie zwischen Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft bestand für die Immigranten allenfalls darin, dass hier wie dort ein erheblicher Akkulturationsdruck herrschte: War es in Iran der persische hegemoniale Anspruch, dem sie sich als Aserbaidschaner unterwerfen mußten, so sollten sich die Menschen der Aserbaidschanischen SSR dem sozialistischen Internationalismus verbunden fühlen und spätestens seit den 1960er Jahren dem Motto der “Verschmelzung der Völker” gemäß in einem supranationalen homogenen “Sowjetvolk” aufgehen (Simon 1986).
Ihr “Aserbaidschanertum”, das sie aus der alten Heimat mitbrachten, sollte sich aber in der neuen Gesellschaft als nur mäßig hilfreich erweisen: Sofern Aserbaidschan-Türkisch überhaupt wirklich ihre Muttersprache war, sprachen sie einen als vormodern konnotierten Dialekt und mussten sich die moderne aserbaidschanische Schriftsprache erst aneignen. In Iran erworbenes kulturelles Kapital, allem voran die Beherrschung der hegemonialen persischen Staatssprache und die darüber erreichte Bildung, war unter den Bedingungen der hegemonialen russischen Verkehrssprache und einer von völlig anderen Grundwerten getragenen Bildung in der Sowjetunion nahezu wertlos. Die Adaption an soziale Normen und Wertvorstellungen der radikal modernistischen sowjetischen Aufnahmegesellschaft erforderte eine erhebliche Akkulturationsleistung. Was für viele Immigranten grundsätzlich ähnlich gilt, war für die Süd-Aserbaidschaner im sowjetischen Nord-Aserbaidschan mit der zusätzlichen Herausforderung verbunden, im vermeintlich Eigenen ständig das Fremde vorzufinden und von den “Eigenen” als “Fremde”, nämlich gar nicht als Aserbaidschaner, sondern als “Iraner” (Iranlı) wahrgenommen zu werden. Diese kognitive Dissonanz zu überbrücken, erforderte möglicherweise die größte Leistung. Und die Leistung sollte durch die neue Heimat nicht honoriert werden: Die Iranlı lebten offiziell ihr ganzes Leben als Fremde- sie wurden nicht eingebürgert, sondern verblieben bis zum Ende mit ihren iranischen Pässen.
So waren die iranischen Politemigranten auf der einen Seite mit dem Akkulturationsdruck des sowjetischen Systems und andererseits mit der Notwendigkeit der Integration in die örtliche aserbaidschanische Gesellschaft konfrontiert, was von Anfang an zu einer doppelten inneren Zerrissenheit der Ankömmlinge führte.
Erstens, sahen sie sich in ihren hohen Ideale getäuscht, die sie mit dem Sowjetsystem verbanden, es zeigte sich nun in der Realität als Illusion ja als Trugbild.
Zweitens, erwies sich die Hoffnung im neuen aserbaidschanischen Milieu als „Eigene unter Eigenen“ willkommen zu sein und sich problemlos einleben zu können, als ebenso falsch. Die Politemigranten aus Südaserbaidschan/Iran fühlten sich überwiegend als „Fremde“, da sie Mentalität, Lebensart, Werte und Normen der aserbaidschanischen Gesellschaft überwiegend als „fremd“ wahrnahmen. Hinzu kam, dass sie von den örtlichen Aserbaidschanern nicht – wie es die (Abstammung, Kultur, Sprache, Religion) Gemeinsamkeiten nahe legten – als „Eigene“ sondern als „Iraner in Aserbaidschan“ wahrgenommen wurden. Infolge identifizierten sich die Politemigranten nicht mit den Einheimischen, obwohl sie selbst ethnische Aserbaidschaner-Turken waren. Andererseits blieben auch die Emigranten in ihrer Selbstwahrnehmung „Iraner“. Jedoch sahen sie sich als Aserbaidschaner als wahre Patrioten (des Staates) Iran und fühlten sich gleichzeitig als Träger eines „eigentlichen“ Aserbaidschanertums.
Ein wichtiger Befund betraf Konstanten der Selbstwahrnehmung. Charakteristisch war, dass der Faktor der Weltanschauung eine anhaltend zentrale Funktion bei der Gruppen-Identifikation spielte. D.h. gemeinsame („Wir-Gruppe“) oder unterschiedliche („die anderer Aserbaidschaner“) ideologische und politische Anschauungen beeinflussten stärker als ethnisch-religiöse Nähe (Aserbaidschaner) oder Ferne (Russen) den Prozess der Selbstidentifikation und einer Integration. Es zeigte sich, dass die Selbstidentifikation oftmals schwierig und mehrschichtig blieb, aber im Gesamtprozess die Weltanschauung mit entsprechenden Werten und Normen dominant bei der Identifikation des einzelnen mit seiner Umgebung blieb.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es aus Südaserbaidschan (Iran) zwei Wellen politischer Emigranten, die nach Sowjetaserbaidschan kamen.
Die erste Welle der Emigration fiel in das Jahr 1946, als durch das iranische Schah-Regime die sogenannte „Südaserbaidschanische Demokratische Republik“ niedergeschlagen wurde. Damals wurde seitens der Sowjetunion für eine Woche die Grenze geöffnet, um Mitgliedern der Regierung der ADR, Parteiaktivisten und Kämpfern der bewaffneten Streitkräfte, sogenannten „Fedain“ mit ihren Familien die Gelegenheit zu geben, sich vor den Strafaktionen des Schahregimes in Sicherheit zu bringen, indem sie durch den Grenzübertritt auf die Seite Sowjetaserbaidschans politisches Asyl erhielten.
Dem Großteil dieser Flüchtlinge drohte tatsächlich der Tod: innerhalb weniger Tage wurden durch die Schah-Armee Tausende hingemordet, fanden in Iranisch-Südaserbaidschan zahlreiche Massaker statt. Zwar hatten die Flüchtenden, indem sie sich auf die sowjet-aserbaidschanische Seite durchschlugen nicht nur ihr nacktes Leben gerettet, sondern sie erhielten durch ihren Status als Politemigranten auch einige Privilegien. Aber zugleich blieb jenseits des Arax die Hoffnung, irgendwann-irgendwie in die Heimat zurück zu kehren. Diese Hoffnung sollte sich für die Mehrzahl als trügerisch erweisen: mehrheitlich verbrachten sie den Rest ihres Lebens als „Fremde“ unter „Eigenen“. Sie waren gezwungen sich in die Sowjetgesellschaft zu integrieren und je nach persönlichen Fähigkeiten gelang dies. Im Sowjet-System fanden sie mehrheitlich ihren Platz und oft auch mehr als das. Sie erlangten privat und beruflich einen Status, von dem sie unter den Bedingungen des Schah-Regimes nicht zu träumen wagten. Kurz gesagt: als Anhänger sozialistisch-kommunistischer Ideen  arrangierten sie sich recht leicht mit dem Sowjetsystem und nutzten sie erfolgreich jene Möglichkeiten, welche dieses System ihnen anbot oder gestattete.
In diesem Kontext war paradox festzustellen, wie es auf der eine Seite relativ leicht gelang sich in die gesellschaftlichen Strukturen zu integrieren und wie problematisch und langwierig sich die Beziehungen zur örtlichen Bevölkerung gestalteten bzw. als solche empfunden wurden. Dabei war man davon überzeugt, dass gerade die Integration von Nord- und Südaserbaidschanern keinerlei oder kaum Schwierigkeiten mit sich bringen wurde. – Eine solche Annahme ging von folgenden Faktoren aus:
-    dass auf beiden Seiten des Flusses Arax Vertreter ein- und derselben Nation  -ethnischer Türken-Aserbaidschaner – leben,
-    dass sie eine gemeinsame (aser-türkische) Sprache sprechen,
-    dass sie gemeinsame kulturelle Traditionen pflegen, eine gemeinsame Kultur besitzen,
-    dass sie mehrheitlich einer gemeinsamen (schiitischen) Glaubensrichtung angehören,
-    dass sie über eine ausreichend gleiche Mentalität verfügen – und nicht zuletzt,
-    dass die Südaserbaidschaner (Arbeitsmigranten der vorsowjetischen Periode) sich in (Nord-) Sowjetaserbaidschan und insbesondere in Baku eingelebt hatten.
Doch diese Erwartungen erwiesen sich in der Realität als stark übertrieben. Ungeachtet der ethnischen und kulturellen Gemeinsamkeiten gestaltete sich die Integration deutlich problematisch:
-    die „gemeinsame Sprache“ erwies sich im täglichen Leben als Schablone für verschiedene Dialekte (welche den jeweiligen Sprecher identifizierbar machte und tatsächlich eine Aus- oder Abgrenzung bewirkte),
-    die „Mentalität“ zeigte sich eher in Unterschiedlichkeiten als in Gemeinsamkeiten,
-    und die Erfahrungen mit den „persischen“ Wanderarbeitern der Ölboomzeit zu Beginn des 20. Jh.s  wirkte ebenfalls auf das Verhältnis der Einheimischen auf die ankommenden Politimmigranten. Damals wurden diese Ölarbeiter aus Südaserbaidschan verächtlich „hämşəri“ genannt, womit sie als ‚arme, um Arbeit bettelnde Fremde’ umschrieben wurden. Dieser negative Unterton, das Stereotyp, mit seinen Vorurteilen wurde nun auf die Neuankömmlinge übertragen.
Als besonders schwierig sollte sich die Integration für die jungen Leute erweisen, die unverheiratet gekommen waren. Nur vereinzelt waren einheimische Familien bereit, ihre Töchter mit einem Emigranten zu verheiraten. Man betrachtete die „Iraner-Einwanderer“ als „zeitweilige Gäste“, welche früher oder später zur sich in den Iran zurückkehren würden. Das dies zu Sowjetzeiten bedeutete, dass man kaum eine Chance haben würde, die Tochter oder Enkel hinter dem „Eisernen Vorhang“ (oder umgekehrt) zu besuchen, war dies in Anbetracht des besonders hohen Stellenwerts von engen Familienbeziehungen in Aserbaidschan eine möglichst auszuschließende Ehevariante. Zu bitter waren Erfahrungen, die getrennte Familien entlang der Ufer des Arax machen mussten, nachdem unterschiedliche politische Systeme das Wiedersehen von Verwandten nicht nur Jahre, sondern für manche ein Leben lang verhinderten.
In der Konsequenz bedeutete das aber, dass diese jungen Männer aus dem Süden als Verwandte „unerwünscht“ waren, persönliche Kontakte einheimischer Familien zu unverheirateten Politemigranten wurden sehr begrenzt und somit war ihre Integration in ein neues Leben, eine neue Gemeinschaft besonders erschwert.
Das Gefühl einer Fremdheit, fremd zu sein unter den „eigenen Leuten“, belastete ihr Privatleben, verstärkte ein Gefühl innerer Unzufriedenheit, ein „Gehen in die innere Emigration“, aber auch ein verstärktes Fragen nach der Selbstidentifikation.
Obwohl es besonders der jungen, zunächst unverheirateten Generation am schwersten fiel, sich mit der einheimischen Bevölkerung zu identifizieren, bot die Gesellschaft in der faktisch alle öffentlichen Lebensbereiche „kollektiviert“ waren durchaus Integrationsmöglichkeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere auf der Arbeit oder im gesellschaftlichen Leben, wo das „Kollektiv“ oberste, ja einzige Norm darstellte, eine Adaption besonders schnell und weniger schmerzhaft erfolgte. Über den Umweg der Arbeit, sozial-gesellschaftlicher Strukturen und Veranstaltungen eröffneten sich allmählich andere Möglichkeiten der Annäherung und schließlich einer Adaption und Integration. Man kann sagen, dass es gerade diese Verbindungen und Beziehungen waren, die im kollektiven Arbeitsumfeld sozialistischer Strukturen entstanden, die zum wichtigsten förderlichen Faktor einer Annäherung an die örtliche Bevölkerung wurden und Chancen einer Integration eröffneten. Hatte man anfangs auf die ethnische Nähe gehofft, so sollte sich der Faktor der Einpassung in gesellschaftliche Strukturen letztlich als stärker erweisen.
Auf jeden Fall gelang es der ersten Nachkriegsgeneration von Emigranten sich im Laufe von 30-40 Jahren erfolgreich in die örtliche Gesellschaft zu integrieren. Allerdings blieb eine gewisse Absonderung, Abgeschiedenheit auf der Ebene zwischenmenschlicher, familiärer Beziehungen, die bis zuletzt nicht überwunden wurde. Hier regenerierten sich Vernetzungen eher unter den Emigrantenfamilien.
Die zweite Welle der politischen Emigranten aus Iran in die Sowjetunion (insbesondere nach Aserbaidschan) kam Anfang der 1980er Jahre. Ihre Probleme einer Integration und  Selbstidentifikation waren im Vergleich mit denen der ersten Generation weitaus gravierender.
Es handelte sich dabei überwiegend um iranische Kommunisten, die vor dem klerikalen Khomeini-Regime flüchten mussten, welches sie verfolgte.
Interessant ist der Fakt, dass während des Aufstandes gegen das Schah-Regime, der sogenannten „Islamischen Revolution“ von 1979, die iranischen Kommunisten (Die Partei der Arbeit – TUDEH, die Volkspartei Irans u.a.) die Anhänger Khomeinis unterstützten und in einer Einheitsfront gegen das Schahregime angetreten waren. Aus diesem Grund wurden sie von den klerikalen Vertreter der Revolution zunächst nicht verfolgt. Aber später, besonders als die Kommunisten im und besonders nach dem Irak-Krieg von den offiziellen Losungen abweichende Positionen vertraten, wurden sie des „Vaterlandverrats“ beschuldigt, und es begann die Jagd auf sie. Soweit es ihnen gelang, emigrierten die Marxisten (Kommunisten) ins Ausland, und der illegale Grenzübertritt nach Aserbaidschan war für viele eine letzte Rettung. Die Sowjetregierung anerkannte sie als politische Flüchtlinge, und mit dem Asylantenstatus wurden auch die notwendigen materiellen Voraussetzungen für ihr Einleben geschaffen.
Doch im Unterschied zur ersten Nachkriegsgeneration der Politemigranten handelte es sich diesmal weitgehend um gebildete jungen Leute, die auch bereits über gute Kenntnisse des Marxismus-Leninismus verfügten. Sie waren in hohem Maße Marxisten-Idealisten (wenn auch in einer besonderen Form, da sie in Bezug auf die Religion den Atheismus M-L strikt ablehnten), die überwiegend illusorische Erwartungen in die Sowjetunion als Verkörperung des Sozialismus setzten. Konfrontiert mit dem Lebensalltag dieses „wahren Sozialismus“ wurden sie recht schnell desillusioniert: Angekommen in Aserbaidschan, einer Sowjetrepublik, in der die sozialistische Ordnung, das sozialistisches Bewusstsein geringer entwickelt war als in anderen Unionsrepubliken, war der Kontrast nicht nur sehr schnell offensichtlich und spürbar sondern der Prozess des Desillusionierung besonders schmerzhaft. – Diesen Aspekt betonten insbesondere jene Interviewpartner, welche zeitweilig nicht nur in Aserbaidschan/Baku, sondern in Weissrussland/Minsk lebten. Im Vergleich zogen diese Politemigranten das (weiss-)russische Leben dem aserbaidschanischen Milieu vor, obwohl sie sich dort in eine völlig fremde ethnische, religiöse und kulturelle Umgebung einleben mußten. Übereinstimmend unterstrichen sie, dass für sie die sozialen, gesellschaftlichen Bedingungen und Normen wichtiger als nationale Aspekte einer Identifikation waren. Als ideologisierte Persönlichkeiten standen ihnen Russen bzw. Weissrussen näher als ihre eigentlichen „aserbaidschanischen Brüder“, die sozialistische Ordnungen, Gesetze, Kollektivität lediglich postulierten, aber in ihrer Lebensweise und Mentalität negierten. Als aktive Verfechter sozialistisch-kollektiver Ideen fühlten sich die Politemigranten unter den aserbaidschanischen Individualisten als „Fremde“, für sie galten die einheimischen Aserbaidschaner eher als Vertreter eines kapitalistischen oder gar feudalen als eines sozialistischen Systems. Zu diesem Unverständnis für die vorgefundenen ideologischen Verhältnisse und Verhaltensweisen der Aserbaidschaner kam noch ein Moment, welches in den Interviews immer wieder als wichtigster Faktor für „Befremdung“ und Hemmschwelle für eine vollständige Integration betont wurde: die bewusste Ablehnung von Normen und Verhaltensregeln einer Gesellschaft des moralischen Niedergangs. Dies hatte zur Folge, dass man vorzog, eigene moralische Werte, Überzeugungen, Verhaltens- und Erziehungsnormen bewusst zu wahren und zu leben, den Kreis der Kommunikation auf Gleichgesinnte zu beschränken und die Nähe der Emigrantenmilieus zu pflegen oder letztlich Möglichkeiten einer weiteren Emigration (nach dem Zerfall der UdSSR auch ins Ausland) zu nutzen. Somit kann als Ergebnis der Untersuchung festgestellt werden, dass die zweite Emigrantengeneration im Unterschied zur ersten Nachkriegsgeneration es überwiegend selbst vorgezogen hat, fremd unter „Eigenen“ zu bleiben (in Aserbaidschan) oder es vorzog, sich selbst zu verwirklichen unter „Fremden“ (in Weissrussland).
Die im Projekt untersuchte Selbsteinschätzung des Leben iranischer Politemigranten in unterschiedlichen ethnischen Milieus erbrachte den Befund, dass die Frage der Selbstwahrnehmung und Identifikation für Politemigranten in fremden Gesellschaften in stärkerem Masse von politischen Überzeugungen, von weltanschaulichen Aspekten beeinflusst wird, als durch national-ethnische Nähe oder Unterschiede. Dominierend waren sowohl für die erste als auch für die zweite Generation nicht Ähnlichkeiten von Ethnos, Sprache und Kultur, sondern das gesamtgesellschaftliche Umfeld, die gesellschaftliche Strukturen und gelebte Normen, um Fremdheit und/oder Beheimatung zu erzeugen.
Das Problem erwies sich als komplizierter und vielseitiger als ursprünglich gedacht. Zunächst gestaltete sich die Recherche nach Vertretern der verschiedenen Gruppen schwieriger als geplant. Persönlich bekannte Vertreter der ersten Generation verstarben, zahlreiche Angehörige der zweiten Generation sind inzwischen weiter innerhalb der GUS oder ins Ausland umgezogen.
Dann bedurfte es einer größeren Zahl von vertrauensbildenden Gesprächen, um schließlich die zentralen Interviewfragen tatsächlich ehrlich beantwortet zu bekommen. Angst vor Offenlegung von Lebensläufen oder abschweifende Erzählungen und Unverständnis für den theoretischen Ansatz auch Resignation (wen interessiert denn das…) waren charakteristisch und verlangten sehr viel Zeit und Einfühlungsvermögen.
Sollte zunächst vor allem die erste Emigrantengeneration in Aserbaidschan im Mittelpunkt stehen, wurde die Zielgruppe um jene erweitert, die das (weiss-)russischen Milieu dem aserbaidschanischen vorgezogen hatten. Gerade aus dieser Ausdehnung des Kreises der Interviewpartner und den dadurch möglichen Vergleich ergab sich eine sehr entscheidende Erweiterung des Forschungsansatzes.
Zu den unerwarteten Ergebnisse gehört beispielsweise, dass sich die südaserbaidschanisch-iranischen Flüchtlinge einerseits oft als „wahre“ Patrioten Irans wahrnahmen, andererseits sich aber auch als „bessere Aserbaidschaner“ empfanden und bewusst von der („unmoralischen“/ „kulturlosen“) Mentalität der einheimischen Aserbaidschaner distanzierten. Enttäuscht von der aserbaidschanischen Realität des Sowjetsystems, zogen Politemigranten – trotz der plakativen Zuschreibung kultureller Nähe von Nord- und Südaserbaidschanern – in vielen Fällen eine kulturell fremde Umgebung vor, die trotz größerer sprachlicher Distanz eher ihrer Weltanschauung entsprach.
Im Gegensatz zu den Angehörigen der sog. „Vereinigungsbewegung“, die in Nord-Aserbaidschan ziemlich verbreitet ist, fanden viele Vertreter der Exil-Südaserbaidschaner eine solche Vereinigung der beiden Siedlungsgebiete von Aserbaidschanern kaum möglich, ja sie wünschten diese offensichtlich nicht.

Dr. Rasim Mirzayev

02. Oktober 2006

 

 

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