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Ein neuer Krieg um Berg-Karabach?

Entflammt bald ein neuer Krieg um Berg-Karabach?

Höchstwahrscheinlich ist diese Frage mit „ja“ zu beantworten


Rasim Mirzayev

In letzter Zeit reden davon fast alle: Analytiker von Stratfor und FBI, Beobachter und Journalisten, Politiker und Friedensinitiatoren warnen vor einem neuen Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien.
Gibt es für eine solche Gefahr wirklich ernsthafte Gründe? – Unserer Meinung nach gibt es zumindest ein ziemlich hohes Risiko, dass es in diesem Jahr zu erneuten Kampfhandlungen zwischen den beiden südkaukasischen Republiken um das Sezessionsgebiet Berg-Karabach kommen könnte. Und zwar geht es vor allem um eine Offensive von aserbaidschanischer Seite. Bei den zu erwartenden Militäroperationen – höchstwahrscheinlich mit Moskau abgestimmt – könnten auch die von den Amerikanern ausgebildeten Spezialeinheiten der aserbaidschanischen Armee eingesetzt werden.

Der „wackelnde“ Waffenstillstand:

wie lange noch?

Zwar wurde1994 ein Waffenstillstandsabkommen im Krieg um Berg-Karabach zwischen Aserbaidschan und Armenien abgeschlossen, jedoch wurde es nie vollkommen eingehalten: in all diesen Jahren kam es immer wieder zu Schießereien unterschiedlicher Heftigkeit zwischen Militäreinheiten von beiden Seiten. Fast jede Woche erscheinen Meldungen über Todesfälle und Verletzte unter aserbaidschanischen und armenischen Soldaten in den Grenzgebieten. Obwohl noch keine Statistik veröffentlicht wurde, soll die Zahl der Gefallenen während des Waffenstillstands ziemlich hoch sein: schätzungsweise bis zu 5.200 Opfer allein auf aserbaidschanischer Seite. Die Situation an der Frontlinie droht manchmal zu eskalieren und das gegenseitige, permanente Säbelrasseln ist bereits zur Tradition geworden.
Es werden in den beiden verfeindeten Staaten immer mehr Finanzmittel für Rüstung und für die Armee ausgegeben. Von Jahr zu Jahr wachsen die militärischen Ausgaben in hohem Tempo. Außerdem wird der Informationskrieg in der Außenpolitik, werden gegenseitige Feindseligkeiten und Kriegsbereitschafts-Propaganda in der Innenpolitik in beiden Ländern immer intensiver.
Also, die heutige, instabile Waffenstillstandssituation wird eigentlich von allen Seiten lediglich als eine Ruhepause in den ewigen Kampf um Karabach, dem Nationalheiligtum sowohl von Aserbaidschanern als auch Armeniern, betrachtet. Und alle bereiten sich auf die nächste Etappe dieses Kampfes vor, nämlich auf einen entscheidenden Krieg, der das Berg-Karabach-Problem endgültig zugunsten der einen oder der anderen Nation lösen werde.
Objektiv gesehen sind die Aserbaidschaner an einem erneuten Krieg am meisten interessiert. Denn sie sind die eindeutigen Verlierer des letzten Krieges: 18 Prozent ihres eigenen Territoriums wurde von Armenien annektiert, darunter nicht nur Berg-Karabach, sondern dazu noch 7 rein aserbaidschanische Bezirke, die an das ehemalige Autonomiegebiet grenzen. Letztere hält Armenien als eine Art Pufferzone zur Sicherheit ihrer Sezessionsrepublik besetzt.
Außerdem hat Aserbaidschan bis zu 1 Million Flüchtlinge aus Armenien und aus Karabach, die selbstverständlich eine große Belastung für jede Regierung sind.
Armenien dagegen scheint definitiv nicht an einem neuen Krieg interessiert zu sein. Ganz im Gegenteil: sie würden den heutigen Status quo möglichst lange weiter aufrechterhalten. Sie sehen sich selbstverständlich als Sieger und Gewinner, daher würden sie eher keinen neuen Krieg riskieren, dessen Resultat ohnehin fragwürdig wäre.
Inzwischen hat Aserbaidschan seit 1994 durch internationale Öl- und Gasgeschäfte erheblich an Reichtum und Stärke gewonnen. Dazu kommen noch andere Faktoren: die Rolle Aserbaidschans in der regionalen und internationalen Politik ist heute viel relevanter als früher. Vor allem wegen seiner reichen Energieressourcen als auch wegen seiner wachsenden Bedeutung für internationale Transitwege (Pipelines,  Bahnlinien usw.). Da Aserbaidschan sich nicht nur als das größte und bevölkerungsreichste, sondern auch als das mächtigste Land (sowohl wirtschaftlich als auch militärisch) im Südkaukasus sieht, hat es einen vergleichsweise großen Einfluss genommen. Und natürlich denken die Machthaber in diesem Land darüber nach, ob jetzt nicht der Zeitpunkt günstig wäre, sich ihr ehemaliges Autonomiegebiet, das Armenien sich faktisch angliedert hat, wieder zurück zu erobern.
Daher sind offene Kriegsdrohungen von aserbaidschanischer Seite in letzter Zeiten immer deutlicher zu hören. Neulich erst, vorige Woche in München, hat Ilham Aliyev, der aserbaidschanische Präsident, zuletzt so eine fast ultimative Forderung nach Friedensverhandlungen gestellt: „Aserbaidschan wird sich nie mit einer unabhängigen Karabach-Republik einverstanden erklären. Seit 15 Jahren versuchen wir eine friedliche Lösung des Problems mit Armenien zu finden. Aber Armenien akzeptiert bisher keinerlei Lösungen, die von den internationalen Vermittlern vorgeschlagen wurden. Und wir können mit der Lösung dieses Problems nicht noch etwa weitere 15 Jahren warten. Wir sind jetzt bereit, unsere Territorien von armenischen Besatzungstruppen zu befreien.“

Warum soll ausgerechnet jetzt

eine solche Offensive stattfinden?

Nach 15 Jahren des Verhandlungsprozesses über eine friedliche Lösung des Konflikts scheint Aserbaidschan nun davon fest überzeugt zu sein, dass
- die armenische Seite ihre Verhandlungsbereitschaft nur vortäuscht (in Wirklichkeit aber gar nicht zu Kompromissen bereit sei; was aus aserbaidschanischer Sicht vor allem heißen würde, seine territoriale Integrität, d.h. die Zugehörigkeit des Berg-Karabach-Gebietes zu Aserbaidschan nach internationalem Recht zu akzeptieren)

- internationale Vermittler bzw. internationale Organisationen sind offenbar nicht in der Lage, eine friedliche Lösung für den Konflikt zu finden; (selbst  die letzten, wichtigen Vereinbarungen, die 2006 in Madrid für eine friedliche Lösung geschaffen wurden und die für Aserbaidschan zuvor als fast unmögliche Zugeständnisse galten und inzwischen sogar noch mindestens drei Mal geändert wurden, scheinen trotzdem für Armenien nicht akzeptabel zu sein…) Und dabei haben sich jegliche Hoffnungen auf Unterstützung des Westens im Falle einer Konfrontation mit Russland als Illusion erwiesen.

- der Schlüssel zur Lösung des Problems sich nach wie vor eindeutig in der Hand Russlands befindet.

Spätestens seit August 2008,  also während des Krieges zwischen Georgien und Russland, hat man in Aserbaidschan endgültig begriffen,  dass man sein Problem mit den eigenen Separatisten bzw. das mit der Nachbar-Republik am besten mit Hilfe Russlands zu lösen versuchen solle. Damit wurde eine allmähliche Annäherung an die NATO als Alternative zu Russland zumindest für einige Jahre hinausgeschoben. Seit dieser Enttäuschung durch den Westen nähert sich Aserbaidschan immer mehr an Moskau an. Baku gibt sich derzeit große Mühe, seine Beziehungen zu Moskau wieder neu aufzubauen und das Vertrauen der Kremlherrscher zu gewinnen.
Ausgerechnet seit den georgisch-südossietischen Ereignissen im August 2008 begann sich Moskau aktiv mit dem Karabach-Konflikt zu beschäftigen; es wurden bisher mehrmals Verhandlungen von der Seite Russlands initiiert.
Nach unseren Angaben versucht jetzt der Kreml, bei diesen Verhandlungen seinen engen Verbündeten Armenien zu bestimmten Zugeständnissen zu bewegen bzw. den Madrid-Prinzipen zuzustimmen.
Das letzte Treffen der Präsidenten aller drei Länder fand soeben Ende Januar 2010 in Sotschi statt; aber wiederum ohne Resultat. Der Moskauer Vertreter schien dabei deswegen ziemlich verlegen. Unseren Angaben nach ist es Aliyevs Regiering gelungen, die russische Führung dazu zu überreden, ein „Blitzkrieg“-Szenario von Baku zu tolerieren bzw. sich nicht gegen eine lokale Militäroperation seitens Aserbaidschans einzusetzen. Mit anderen Worten, sich nicht wie im Fall Georgiens militärisch einzumischen.
In diesem „Blitzkrieg“-Szenario möchte Aserbaidschan erreichen, zumindest ein paar der annektierten Bezirke (Rayons) von den armenischen Besatzungsruppen zu befreien und wichtige, verteidigungsmilitärische Einrichtungen zu zerstören, um auf diese Weise die allzu beharrlichen Armenier zu den notwendigen Zugeständnissen zu zwingen. Nach den russisch-aserbaidschanischen Vereinbarungen werde sich der Kreml so verhalten: zunächst werden die plötzlichen erneuten Kriegshandlungen an der Karabach-Front von den Moskauer Herrschern zwar verbal verurteilt, doch werden sie sich dabei zurückhalten, die Armenier militärisch zu beschützen. Nach einer Weile der Beobachtung oder besser gesagt,  nachdem es eine Weile stillgehalten hat, wird Moskau sich dann als der einzige Vermittler einsetzen. Wenn die armenische Seite nach der massiven Attacke der aserbaidschanischen Armee entsetzt ihre Bereitschaft zu wirklichen Verhandlungen erklärt, erst dann also, werden die Aserbaidschaner die Kriegshandlungen einstellen.
Nach diesem Szenario soll anschließend ein Friedensabkommen zwischen Armenien und Aserbaidschan erfolgen, das mehr oder weniger den Madrid-Prinzipen entsprechend gestaltet wird (also nach der Formel „5 + 2“: erst werden die 5 an Berg-Karabach grenzenden, aserbaidschanischen Rayons von armenischen Truppen geräumt, weiter wird dann noch um die beiden Rayons Kelbedschar und Lachin verhandelt, die einen Korridor zwischen Berg-Karabach und Armenien bilden). Daraufhin soll eine provisorische Grenzüberwachungszone zwischen Berg-Karabach und Aserbaidschan eingerichtet werden, die von russischen Militär-Friedenstruppen überwacht werden soll. Nachdem die aserbaidschanischen Flüchtlinge nach Berg-Karabach zurückgekehrt sind, soll eine Volksabstimmung über den Status des Karabach-Gebiets durchgeführt werden.
Dieses geheime Szenario, das angeblich zwischen Moskau und Baku wegen der Sturheit der Armenier als unumgänglich bezeichnet wird, entspricht den Interessen beider Seiten.
Moskau wolle dabei mindestens drei strategische Ziele erreichen:
-    Armenien, das seit einiger Zeit seine Abhängigkeit von Moskau zu minimieren versucht, als seinen Vorposten im Kaukasus auch weiterhin fest im Griff zu behalten; nach Auffassung der Kreml-Analytiker ist das jetzt nur so möglich, wenn in Karabach wieder ein neuer Krieg entflammen würde und dabei Russland erneut als Armenien-Retter auftreten könne.
-    Aserbaidschan, das seit Jahren eine ausbalancierte Politik zwischen dem Westen und Russland verfolgt, endgültig auf seine Seite zu ziehen.
-    Sich in seiner neuen Rolle als „Friedensvermittler“ zu präsentieren. Das ist momentan für Moskau außerordentlich wichtig, denn nach dem Krieg mit Georgien ist sein ohnehin schlechtes Image unter den GUS-Staaten (und auch weltweit!) ziemlich ramponiert.

Was Aserbaidschan mit diesem „Blitzkrieg“-Szenario hauptsächlich erreichen will, ist eine deutliche Situationsänderung in der Karabach-Frage; mit anderen Worten: eine Änderung des heutigen Status quo!
Wenn es Baku gelingen sollte, eine ganz neue Situation im Konflikt zu schaffen, wobei Armenien nicht mehr als Sieger auftreten kann, sondern sich in der Rolle des Unterlegenen wiederfindet, dann kann es mit Armenien von einer viel günstigeren Position aus verhandeln.
So sieht alles in diesem Szenario für Aserbaidschan ziemlich gut aus. Allerdings stellt sich hier doch noch eine Frage:

Ob Aserbaidschan wirklich

zu einem siegreichen Krieg mit Armenien fähig ist?

Manche Beobachter bezweifeln das und äußern sich in dem Sinne, dass ein neuer Krieg für Aserbaidschan wie eine Lotterie ohne Gewinngarantie wäre. Aber gegen diese Meinung spricht andererseits auch vieles. Vor allem scheint Baku sich seiner Überlegenheit ganz sicher zu sein. Präsident Ilham Alíyev sprach zwar auch früher schon von einer Möglichkeit der militärischen Lösung des Karabach-Konflikts als Alternative zu jahrelangen und ergebnislosen, diplomatischen Verhandlungen. Jetzt hingegen spricht er von der BEREITSCHAFT seiner Armee, Karabach mit Gewalt von den armenischen Besatzungstruppen zu befreien.
In der Tat hat sich Aserbaidschans Militärpotenzial nach dem Waffenstilstand enorm vergrößert. Die Rüstungsausgaben sind in den vergangenen Jahren von 250 Mio. USD bis auf 1 Milliarde USD gestiegen; und das ist fast genauso viel wie das gesamte Staatsbudget Armeniens.
Sowohl in der personellen Stärke als auch in der Ausrüstung ist die aserbaidschanische Armee der armenischen weit überlegen. Hier einige Vergleiche:
Truppenstärke: Aserbaidschan – 67.000; Armenien – 42.000
Reservisten: Aserbaidschan – 300.000; Armenien – 200.000
Militärtechnik (Panzer u. a.): Aserbaidschan – 790; Armenien- 231
Kampfflugzeuge: Aserbaidschan – 47; Armenien – 16
Artillerie: Aserbaidschan – 282 ; Armenien – 229
Unbemannte Kampfflugzeuge (Drohnen): Aserbaidschan – 6; Armenien – 0
Außerdem besitzt die aserbaidschanische Armee 10-mal mehr Antipanzer-Waffen als Armenien.

Da die aserbaidschanische Seite allerdings keine großen Kriegshandlungen durchzusetzen plant (denn das würden weder Russland noch der Westen akzeptieren), sondern lediglich eine blitzschnelle, lokale Operationen durchführen möchte, werden nur zwei oder drei Brigaden, darunter auch Spezialeinheiten eingesetzt werden. Dabei werden Kampfflugzeuge und Luftwaffen bevorzugt.
Nach Angaben unserer Informationsquelle  Baku sind die beiden Spezialeinheiten nach NATO-Standard von den Amerikanern ausgebildet worden . Sie sind echte Profis und beteiligen sich regelmäßig auch an den militärischen Manövern in Ländern wie USA und Türkei. Diese Truppen spezialisieren sich in zwei Richtungen: die eine hat ein Profil für militärische Aktionen im Gebirge, die andere wurde als Marineinfanterie ausgebildet. Letztere hat in aserbaidschanischen Armeekreisen den Spitznamen „Meerkatzen“. Ihr Ausbildungsprogramm wurde im Rahmen eines Abkommens zwischen dem Pentagon und dem Verteidigungsministerium Aserbaidschans realisiert. Mit der Ausbildung der Gebirgsjäger war die weltweit bekannte, amerikanische Sicherheitsfirma “Blackwater” betraut.
Militär-Experten sind der Meinung, dass Armenien solche hochqualifizierten Truppen nicht besitzt. Daher sind die aserbaidschanische Regierungsvertreter überzeugt, dass diese beiden Spezialeinheiten schon alleine während einer Blitz-Operation sehr viel erreichen könnten, ohne dass eine der zahlreichen großen Armeeeinheiten in Bewegung gesetzt werden müsste.
Außerdem hat die aserbaidschanische Regierung einige Vereinbarungen mit Israel getroffen bzw. ein Abkommen geschlossen über Zusammenarbeit und Kooperation im militärischen Bereich. Unter anderem geht es dabei um die Anschaffung israelischer Waffen (Raketen vor allem), Militärtechnik und Maschinerie (Panzer und Kampflugzeuge) sowie den Bau einer Waffenfabrik in Aserbaidschan. Das sind Teile eines großen Rüstungsprogramms, das man auch als Vorbereitung auf einen großen Krieg betrachten könnte.
Im Moment jedoch geht es angeblich um eine blitzschnelle, kurzfristig angelegte und lokal begrenzte Militäroperation in Berg-Karabach .
Mit einer solchen Offensive könnte bereits in den nächsten Monaten, also im Frühling, gerechnet werden: Daher sollte man die offene Warnung von Präsident Ilham Aliyev kürzlich während der Münchener Sicherheitskonferenz am 05. Februar durchaus ernst nehmen.

23. März 2010

 

 

31. März 2010 | Artikel, Kaukasus, topBeitrag | Bookmark |
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Abschluss des Forschungsprojekts: The Karabakh Conflict in Selected German Media, 1988–2008 Der Wissenschafts- und Kulturverein EuroKaukAsia e.V. freut sich, das in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Geschichte Aserbaidschans der HU-Berlin durchgeführte Forschungsprojekt: “The Karabakh Conflict in Selected German Media, 1988–2008″ vorzustellen. In dem von 2014-2015 laufenden Projekt, unter der Leitung von Prof. Eva-Maria Auch und Dr. »»

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