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Aserbaidschan und Terrorbekämpfung

Wird Aserbaidschan zu einem wichtigen Punkt

der Terrorbekämpfung?

 

Rasim Mirzayev

Was unglaublich erscheint, aber immer glaubwürdiger wird, ist der mittlerweile gefährlich hohe Ausmaß der Radikalisierung der islamistischen Bewegung in Aserbaidschan. Obwohl das Land keinesfalls als ein typisch islamischer Staat betrachtet werden kann, ist dort in den letzten Jahren eine große Welle der radikalen Islamisierung von verschiedenen Schichten der Bevölkerung, vor allem bei der jungen Generation zu beobachten. Diese Tendenz ist zwar überhaupt nicht charakteristisch für das Land, war aber andererseits erwartend.

Paradox? –Ja, aber das ist jedoch vollkommen verständlich.

Unsere These, dass Aserbaidschan kein typisch muslimischer Staat ist, beruht mindestens auf drei grundsätzlichen Faktoren:

-         Erstens: Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung im Land ist gar nicht religiös! Selbst wenn sich die meisten erwachsenen Bürger als „Muslim“ bezeichnen würden, hat der größte Teil von ihnen in der Tat nur ganz wenig mit Religion zu tun und praktiziert diese im alltäglichen Leben kaum. Das heißt die religiöse Zugehörigkeit der meisten Aserbaidschaner ist eine ganz formale Sache und wird von ihnen einfach traditionell als Erbe der älteren Generationen akzeptiert und formal weiter gepflegt.

-         Zweitens:  Aserbaidschan hat schon seit mehr als einem Jahrhundert eine Tradition des laizistischen Staates und unserer Meinung nach wünscht sich der größte Teil der Bevölkerung keinesfalls einen von Religion geprägten Staat und bevorzugt die westliche Gesellschaft als ein Model.

-         Drittens: die nationale Elite, insbesondere die Intellektuellen sind traditionell europäisiert. Außerdem ist das Bildungsniveau der Bürger viel höher als in den anderen muslimischen Ländern (Türkei miteinbezogen). Der Westen ist auch bei der Ausbildung ein Vorbild für Aserbaidschan.

Eigentlich hätte eine fundamentale islamistische Bewegung keine richtige Perspektive in diesem Land aufgrund hier fehlender objektiven Gründen. Aber woher kommen denn die oben genannten gefährlichen Tendenzen? – Unser Meinung nach gibt es auch dafür mindestens drei wichtigste Ursachen:

-         Die Politik des herrschenden autoritären Regimes: dieses durchaus korrupte  Regime lässt den unzufriedenen  Massen keine andere Wahl, als das radikale sowie religiöse Engagement für die Zukunft. Die traditionelle, westlich orientierte, demokratische Opposition wurde total zerschlagen, marginalisiert und hat kaum einen politischen Spielraum für ihre Tätigkeit.

-         Das Verhalten der westlichen Demokratien gegenüber dem Land und ihre offene Unterstützung des autoritären Regimes des Aliev-Clans.

-         Der Einfluss von außen: also, jahrelange und massive Propaganda -Arbeit von Islam-Missionaren aus Iran, Türkei und arabischen Länder, auch der islamistischen Organisationen, Stiftungen usw.

Solange diese obengenannten Faktoren vorhanden bleiben, das heißt solange sich die Politik des Regimes und die Politik der westlichen Länder nicht ändert, besteht eindeutig die Gefahr der radikalen Islamisierung Aserbaidschans. Und das bedeutet schließlich die Umwandlung des Landes von einem laizistischen zu dem theokratischen Land a la Iran.

Wie hoch ist momentan diese Gefahr? –Um nicht redselig zu werden, gehen wir auf die Fakten ein.

Tschihad –der Kamfp gegen den Ungläubigen

ist schon zum Lebensziel für einige Aserbaidschaner geworden

„Tschihad ist mein Lebensziel!“ –das hat ein Offizier der aserbaidschanischen Armee  in diesen Tagen vor dem Gericht als sein Motto erklärt. Dieser Offizier, der oberste Leutnant  Karnran Asadow (geb.1975) wird mit seinen 19 anderen Komplizen wegen ihrer angeblichen Attentaten und ihrer terroristischen Pläne in der kommenden Woche vom aserbaidschanischen Militärgericht verurteilt werden.

Diese radikal islamistische Gruppe solle einen Anschlag auf die Botschafter von USA und England in Baku geplant haben. Außerdem hätten sie die Vertretung des russischen Ölkonzerns „Lukoil“ eingebrochen.

Diese Gruppe wurde im Zeitraum von Oktober-November 2007 von den aserbaidschanischen Sicherheitsorganen verhaftet. Während einer Schießerei zwischen Sicherheitskräften und der Gruppe am 27. Oktober 2007 in Maschtagi (Vorort Baku) ist ein Mitglied von dieser Gruppe gestorben. Vor einigen Tagen zuvor hat der Offizier Karnran Asadow aus seiner in Khanlar/Göygöl stationierten Militäreinheit mit gestohlenem Waffenarsenal (u a. 4 Maschinenpistolen, 20 Granaten) geflohen und sich versteckt. Es ist ihm und seinen Komplizen jedoch nicht gelungen, ihre Pläne, die Botschafter von zuvor genannten westlichen Ländern anzugreifen, zu realisieren. Die Sicherheitsorgane der Regierung haben diese terroristischen Akten verhindert.

Allerdings wurden die Ermittlungen erst von einer Woche abgeschlossen. Bei dem geschlossenen Gerichtsprozess haben sich die meisten Angeklagten in radikal islamistischen Positionen geäußert. Sie haben den Gerichtprozess als „Spektakel“ bezeichnet und den aserbaidschanischen Machtinhaber vorgeworfen, „das Volk zu ihren Sklaven verwandelt zu haben“ und gegen eigene Religion (Islam) zu kämpfen.

Die anderen weisen alle Beschuldigungen zurück und schätzten ihre Verhaftung als „politisches Spielchen“ der Regierung: “Wir werden einfach als Sündenböcke dargestellt, um die USA zufrieden zu stellen“.

Also, der Offizier Karnran Asadow, der sich „ein Gottessoldat“ genannt hat,  und seine angeblichen Mitkämpfer zeigen keine Reue; ganz im Gegenteil: sie schwören, dass sie ihren Kampf gegen den „Kafiren“- Ungläubigen auch künftig, bis zum Lebensende fortsetzten werden. Unter solchen „Kafiren“ bezeichneten sie unter anderen auch den Namen des Scheichülislams, des offiziellen religiösen Führers Kaukasus und der anderen, im Land bekannten Islam- Führern.

Solche ganz offenen und kämpferischen Hasstiraden, was die Mitglieder der obengenannten radikalen Gruppe vor Gericht geäußert haben, sind für die aserbaidschanische Gesellschaft ziemlich neu. Das sollte für die Politiker –sowohl im Land als auch außerhalb-ein alarmierender Signal sein.

Zumal scheint alles so, dass die terroristischen Aktivitäten von der Seite der Radikalislamisten mit der Zeit zunehmen.

Ein zweiter Gerichtprozess, der vermutlich ungefähr in einer Woche beginnen wird, kann dazu als ein Beispiel herangezogen werden.

„Sepah“, „Hisbullah“, „Al-Kaida“

und andere Terrororganisationen in Aserbaidschan

Vor kurzum haben die Sicherheitsorgane von Aserbaidschan noch eine ganz gefährliche Terrorgruppe in Haft genommen. Diese Gruppe ist ein Teil von einem großen internationalen Terrornetz, dem sich solche radikalislamistischen Terrororganisationen wie „Hisbullah“ und „Al-Kaida“ anschließen. Die Mitglieder dieser Gruppe haben in Iran bei der Organisation „Sepah“ militärische Ausbildung bekommen und sich dort auf die Terroranschläge in Baku vorbereitet. Sie sollen mindestens drei Angriffe geplant haben: gegen die Botschaft von Israel, gegen das israelische  Kulturzentrum und  gegen die Radarstation in Kabala.

Diese Terrorgruppe wurde von zwei Personen geleitet, die aus Libanon stammen: Karaki Ali Muhammad und Natschimeddin Ali Husein sind zwar in Libanon geboren, kamen aber im Oktober 2007 mit gefälschten iranischen Pässen aus Iran nach Aserbaidschan. Die anderen Mitglieder dieser Gruppe-Cavad Mamedov, Vidadi Rasulov, Ayyub Amanov , İsgender Hüseynov, Aflatun Schükürov, Müschfig Amanov, Afgan Balaschov – sind zwar Aserbaidschaner, haben aber sich zuvor in Iran ziemlich lange Zeit aufgehalten und religiöse Ausbildung bekommen.

Höchstwahrscheinlich wurde diese Terrorgruppe mit Hilfe ausländischer Sicherheitskräfte, wie zum Beispiel „Mossad“ (Israel) und FBI (USA) entlarvt. Unseren Erkundigungen nach beteiligen sich beim Verhör der mutmaßlichen Terroristen, auch die Mitarbeiter der beiden oben genannten ausländischen Geheimdienste. Die meisten festgenommenen aserbaidschanischen Mitglieder der Terrorgruppe haben angeblich ihre Schuld zugegeben und haben das ganze Szenario der geplanten Terroraktionen den Ermittlern übermittelt[i]. In kommenden Tagen ist der Beginn eines geschlossenen Gerichtsprozesses in Baku zu erwarten.

Unseren Erkundigungen nach gab es vor einigen Tagen noch andere Verhaftungen von Verdächtigen-Radikalislamisten. Die Spezialkräfte vom Ministerium für Sicherheit Aserbaidschans haben auch zwei Iraner und einige ihre aserbaidschanischen Komplizen in der Moschee „Kabla Abdulla“ festgenommen. Die Iraner - Ağayi Balaği und Ağayi Hicranı sind nach einem Tag aus dem Land abgeschoben worden. Die beiden waren seit 10 Jahren in Aserbaidschan als Geistige tätig und haben sich mit der fundamentalistischen religiösen Propaganda beschäftigt.

Eine andere sensationelle Nachricht: vor kurzum wurde auch Aliakbar Ocagnejad/ Otschagnetschad, der Botschaftsmitarbeiter und Direktor vom Iranischen Kulturzentrum in Baku, zum Ministerium für Staatliche Sicherheit eingeladen. Dort verlangte man von ihm eine Erklärung über die Diversionen der iranischen Geheimdienstagenten, welche unter dem Vorhang der Geistigen handeln.

Aliakbar Ocagnejad ist zugleich der offizielle Vertreter der iranischen Imam-Chomejni Stiftung. Man vermutet, dass er eine bestimmte Mission hat, in Aserbaidschan die Idee von einer islamischen Revolution a-lja Iran zu verbreiten; darüber hinaus unter einheimischen Agenten  für iranische Geheimdienste zu gewinnen.

Dass die aserbaidschanischen Sicherheitsorgane sich mit ihm für ein direktes Gespräch entschieden haben, zeigt wiederum, wie ernsthaft sie besorgt sind wegen der Diversionen im Land, die von iranischen Geheimdiensten bzw. sogenannten Geistigen durchgesetzt  worden sind.

Anscheinend besitzen die aserbaidschanischen Sicherheitsorgane die alarmierenden Informationen, denen zufolge neue Terroraktionen von den radikal islamistischen Organisationen wie „Hisbullah“, „Ala-Kaida“ im Land vorbereitet werden. Daher unternehmen sie heftige Vorsichts- und Präventivmaßnahmen; und sie versuchen jetzt alle muslimische Gemeinden und insbesondere Personen, die mit den iranischen religiösen Stiftungen Verbindungen haben, unter der totalen Kontrolle zu halten. Selbst die Moscheen befinden sich momentan unter totalem Druck von der Seite der Regierung. Allein in der Hauptstadt Baku wurden 5 Moscheen innerhalb von einigen Monaten geschlossen unter verschiedenen Vorbehalten.

Ob diese und andere hektische Maßnahmen dazu beitragen können, die Gefahr einer islamischen Revolution bzw. Ausschreitungen im Land mit religiösem Hintergrund zu vermeiden, ist momentan schwer zu sagen.

 

12. Januar 2010


[i] Die Einzelheiten und Details über die Tätigkeit der Gruppe bzw. über die Vorbereitungen der Terroranschläge  sind uns bekannt, bei Bedarf können ausführliche Informationen geliefert werden.

 

 

12. Januar 2010 | Artikel, Kaukasus | Bookmark |
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