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AL–KAIDA IN ASERBAIDSCHAN?

AL –KAIDA IN ASERBAIDSCHAN?

Totale Jagd auf Wahhabiten
In den letzten drei Wochen geschahen in Aserbaidschan wahrhaftig dramatische und fast sensationelle Ereignisse. Jeden Tag führten Spezialeinheiten des Geheimdienstes Razzien, Verhaftungs- und Vernichtungsoperationen gegen sogenannte Wahhabiten, also radikale Islamisten durch.
Am 27. Oktober 2007 gab das Ministerium für nationale Sicherheit bekannt, dass es den Geheimdienstlern gelungen sei, die von Wahhabisten geplanten Terroranschläge gegen höchste staatliche Behörden/Ämter und einige ausländische Botschaften und Vertretungen großer Konzern zu verhindern. Dabei ging es vor allem um die Botschaften der USA und Großbritanniens sowie Konzerne wie Statoil, BP u a..  – Offensichtlich war die Gefahr von letzteren ernst genommen worden, da die Botschaften ein paar Tage geschlossen blieben und die Gefahr von Terroranschlägen seitens offizielles Vertreter der amerikanischen Regierung bestätigt wurde: Es seien Terroraktionen in der Botschaft und Umgebung geplant gewesen. Die Sicherheitsorgane Aserbaidschan wurden in äußerste Alarmbereitschaft versetzt und fast täglich wurde von „ Schlachtszenen mit Wahhabiten“ berichtet.
Letztere spielten sich im ganzen Land ab, erreichten größte Ausmaße jedoch in der Hauptstadt Baku und Umgebung, in der zweitgrößten Industrie-Stadt Sumgait. Berichtet wurden Razzien, Waffenaushebungen, zahlreiche Festnahmen, heftige Schusswechsel und einige Fälle der Liquidierung von Terroristen…Bei diesen speziellen Operationen ging es um mehrere Gruppen, die immer wieder gegenüber Spezielleinheiten bewaffneten Widerstand zu leisten versuchten. Verhaftungen betrafen sogar die Armee. Nach Angaben des Ministeriums für nationale Sicherheit wurden 15 Offiziere des Verteidigungsministeriums sowie Offiziere und 10 Kursanten von Militärakademien als verdächtigte Wahhabiten verhaftet. Ein Offizier einer Militäreinheit im Gebiet Chanlar floh aus seiner Garnison und entwendete ein ziemlich großes Waffenarsenal. Außer diesen Offiziere wurden zwei weitere Terrorverdächtigte von den Geheimdienstlern fast zwei Wochen lang gesucht.
Zu gleicher Zeit wurden einige tollkühne räuberische Angriffe auf Geschäftsräume (z.B. der russischen Gesellschaft Lukoil) gemeldet, wobei es wiederum zu Schießereien kam. Schwere Verletzungen von Geschäftsleuten und Todesfälle waren die Folge.
Kurzum, ab dem 20.Oktober bis zum 6. November 2007 führten nach offiziellen Angaben die Sicherheitsorgane Aserbaidschans Operationen gegen die  Wahhabiten in großem Maßstab durch.
Der Höhepunkt dieser Operationen war die Festnahme des bekanntes Mitglieds der Terrorgruppen Al-Kaida und Dschihad namens „Abu Tschafar“ (Pseudonym) und seiner aserbaidschanischen Komplicen (insgesamt 15 Namen wurde veröffentlicht). Über diese Operation informierte das Ministerium  für Nationale Sicherheit am 6. November die Öffentlichkeit. Gemäß dieser offizieller Mitteilung hatten die aserbaidschanischen Geheimdienstler Information bekommen, dass Abu Tschafar das Land heimlich verlassen wolle. Seit Ende September jagten die aserbaidschanischen Geheimdienstler diesen wichtigen Mann von Al-Kaida, um ihn zu verhaften.
Der erste Versuch vor zwei Woche, den Araber aufzugreifen, war gescheitert: in der Stadt Sumgait, wo er sich versteckt hatte, war es ihm gelungen, den  Spezialleinheitskräften zu entfliehen, da letztere wegen der großen Menschenmenge, in welcher er bewaffnet untertauchte, nicht schießen konnten.
Als die Geheimdienstler ihn mit seinen bewaffneten Komplicen ein zweites Mal entdeckten, versuchte Aby Tschafar sich mit einer Granate in der Hand zu wehren, aber er mußte sich ergeben, weil die Sicherheitskräfte geschickter agierten. Abu Tschafar soll eine der wichtigsten Personen von Al-Kaida und/oder Al-Dschihad sein und soll mit anderen arabischen Aktivisten der bekannten Terrororganisationen vor einigen Jahren nach Aserbaidschan gekommen, um dort bewaffnete Gruppen zu organisieren, die in verschiedenen Konflikt-Gebieten im Kaukasus (u.a. in Tschetschenien)agierten.
Am 10. November gab die Presseabteilung des Min.f. Nat.Sicherheit bekannt, dass der versteckte Offizier–Wahhabist und noch einige seiner Komplicen ebenfalls festgenommen wurden. Sie gestanden, dass sie mit gestohlenen Waffen der Armee die russische Lukoil–Kompanie überfallen und Terroranschläge gegen ausländische Botschaften, vor allen gegen die Botschaft der USA geplant hatten.
Bei der Festnahme beiden Gruppen wurde wieder ein ziemlich großes Arsenal von den Waffen beschlagnahmt. Weitere Operationen bei der Suche nach Terroristen wurden angekündigt.
Chaos und Widersprüche bei offiziellen Ämtern
Bei all diesen dramatischen Ereignissen war in der Öffentlichkeit die ganze Zeit völlig unklar, was überhaupt im Land passierte. Denn die seltenen und dürftigen Informationen, die das MfNS verkündete, wurden von offiziellen Personen so unterschiedlich kommentiert, dass man kaum einen Zusammenhang erkennen konnte. Es gab einfach chaotische, völlig widersprüchliche Meinungen.
Als in der Hauptstadt und in einigen Regionen des Landes fast ein unerklärter Ausnahmezustand zu herrschen schien und die Geheimdienstler Jagd auf Wahhabiten-Terrorverdächtigte machten und mit ihnen bewaffnete Auseinandersetzungen austrugen, äußerten die Sprecher des Präsidentenapparates und des Innenministeriums, „dass es keinen Anlass zu Beunruhigung gebe, die staatliche Organe alles unter Kontrolle hätten; nichts Besonderes passiert sei…“.
Oder: der Stellvertretende Außenminister Khalaf Khalafov habe sich gewundert, als er im Internet von der Gefährdung der amerikanischen und anderer Botschaften las. Seiner Meinung nach sei das alles nur Phantasie der Medien, und falls so etwas tatsächlich stattgefunden hätte, wäre sein Amt als erstes informiert worden!
Als das MfNS erneut von der Verhaftungen terrorverdächtiger Wahhabiten–Offiziere berichtete,  reagierte das Verteidigungsministerium: „Es gibt keine Wahhabismus-Anhänger – weder in der Armee noch in den Militärakademien.“
- Das alles wirkte auf die Öffentlichkeit sehr seltsam und verdächtig und wirkte auf die Bürger eher besorgniserregend als beruhigend.
Diese Unstimmigkeiten verweisen zunächst auf folgende Tatsachen:
    Erstens: Es gab sogar bei solch wichtigen Operationen keine Abstimmung des Vorgehens oder Vereinbarungen über eine Zusammenarbeit zwischen hochrangigen Ämtern, ja noch nicht einmal zwischen den verschiedenen Sicherheitsbehörden. (Ob es daran liegt, das es kein Vertrauen unter den Amtinhabern gibt, sie sich einander nur als Rivalen betrachten oder es sich um eine prinzipielle Schwäche der Staatlichkeit handelt, ist andere Frage.) – Grundsätzlich scheint es sich nicht um ein absichtliches Ablenkungsmanövern zu handeln.
    Zweitens: die äußerst geheim durchgeführten und widersprüchlich kommentierten Operationen erwecken den Eindruck, dass die aserbaidschanische Regierungsspitze möglich wenige eigene Leute in diese Operationen einweihen wollte. Das legt die Vermutungen nahe, dass diese OPs nicht von den aserbaidschanischen Geheimdiensten allein durchgeführt worden sind, sondern es eine externe Beteiligung gab. Denkbar sind sowohl eine russische als auch amerikanische Beteiligung (u.a. gingen erste Reaktionen von der amerikanischen Botschaft aus). Ziel war zweifellos, dass von einer Beteiligung ausländischer Dienste möglichst wenig Leute erfahren sollten. Nach der offiziellen Version hatte die amerikanischen Seite zwar ihre Hilfe angeboten, aber die Aserbaidschaner hätten angeblich darauf verzichtet. Diese Darstellung erscheint fraglich. Tatsache ist, dass die Wahhabisten-Jagd im Land nach dem Besuch des amerikanischen FBI-Chefs (September) begann, und bekanntlich gab es auch schon früher eine Kooperation in Aserbaidschan mit einheimischen Sicherheitskräften, um Operationen gegen Al-Kaida –Angehörige durchzuführen.
Was passiert ist in der Tat?
Überlegungen zu den Hintergründen
Vorläufige Interpretationen der Ereignisse in Aserbaidschan gehen in mindestens in drei Richtungen:
    Erste Version. Es geht tatsächlich um einen ernsthaften Kampf gegen radikal-islamistische Terror-Gruppen im Land.
Man vermutet, dass die Al-Kaida sich schon seit einigen Jahren in Aserbaidschan ein Nest gebaut hat, um von hier aus zu agieren. Schon früher wurde das Land von Al-Kaida entweder als eine „Durchgangszone“ benutzt oder von diesem Netz aus wurden Terroranschläge in anderen Ländern gesteuert. Als „Koordinationsstelle“ und „Rückzugsort“ wollten sie innerhalb des Landes keine auffallenden Aktivitäten unternehmen, sondern ganz im Gegenteil, streng  im Untergrund bzw. „unauffällig“ im Rahmen der staatlichen Vorschriften für religiösen Tätigkeit zu bleiben. Anscheinend wurde nun beschlossen, in Offensive zu gehen, d.h. Terroristenaktivitäten auch in Aserbaidschan durchzuführen.
Aus welchen Gründen eine solche Umorientierung erfolgte – zu dieser Frage werden verschiedene Antworten gegeben: Einer der Hintergründe könnte die Ölproblematik sein: Mit dem Ausbau der Transportwege (nicht nur für aserbaidschanisches Öl und Gas, sondern auch zentralasiatisches, auch potentiell russisches) zum Mittelmeer und nach Westeuropa wird Aserbaidschan zum unerwünschten Rivalen, der sich zugleich immer mehr als ein enger Verbündeter der Amerikaner und aktives Mitglied der Antiterrorkoalition zeigt. Deswegen könnten die arabischen Ölmagnaten versuchen, mit Hilfe radikal-islamitischer Organisationen Aserbaidschan (oder die kaukasische Region – siehe die aktuellen Ereignisse in den Nachbarstaaten) in einen Unruheherd zu verwandeln (Destabilisation).
Der zweite Akteur, der an eine Destabilisierung Aserbaidschans sehr interessiert sein zu scheint, ist Iran. Letzterer hat schon mehrmals eindeutig gewarnt: falls die Aserbaidschaner den Amerikaner eine Möglichkeit einräumen, das aserbaidschanische Staatsterritorium für einen Angriff Irans zu nutzen, würde Iran Aserbaidschan mit seinen Raketen beschießen. Bereits vor längerer Zeit gab es Einsätze des aserbaidschanischen Geheimdienstes, wobei mehrere islamistische Gruppen zerschlagen wurden, die mit dem iranischen Geheimdienst in Verbindung standen.
    Zweite Version. In Aserbaidschan sind die radikalen Islamisten, vor allem die Wahhabiten-Strömung tatsächlich zu einer inneren Gefahr geworden, und der Staat will sie nun ernsthaft bekämpfen.
Bei dieser Version wäre davon auszugehen, dass sich die Regierung bisher viel mehr Mühe gegeben hat, die demokratischen Kräfte der politischen Opposition zu vernichten und die Sicherheitsorgane es verpassten, die extrem islamistischen Kräfte rechtzeitig zu beseitigen. Inzwischen wird das Risiko eines Spiels mit den islamistischen Gruppen realistischer eingeschätzt und agiert.

    Dritte Version. Die Ereignisse stehen unmittelbar im Zusammenhang mit den kommenden Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr. Es ist bereits eine „Tradition“, dass die Machthaber in Aserbaidschan vor Wahlen spektakuläre Verschwörungsszenarien beschwören, um die Aufmerksamkeit von den Wahlen abzulenken und dabei ihre stärksten Rivalen zu beseitigen. Da die demokratische Opposition bereits weitgehend zerschlagen ist, ist diesmal das „Theater“ mit den Wahhabiten und angeblichen arabischen Terroristen Teil der Wahlvorbereitungen des Regimes.

Allerdings gehen die Ziele diesmal noch viel weiter: Alievs autoritäres  Regime versuchte bis heute, Demokratie im Lande zu imitieren, um seine westlichen Verbündeten irgendwie zufrieden zu stellen.  Inzwischen ist klar geworden, dass die Hoffnungen, welche mit Aliev-Junior verbunden wurden, dass er sein Versprechen hält und das Land langsam in Richtung Reform und Demokratisierung bewegt, vergeblich gewesen sind. Gestärkt durch den Zufluss von Petrodollar angesichts der enormen Preissteigerungen für Rohöl (scheinbare wirtschaftliche Erfolge für die man kaum etwas tun muss – „Rentierstaat“), wird keine Notwendigkeit mehr gesehen die bisherige Politik der Demokratie-Imitierung weiter zu betreiben. Daher haben die Machthaber zu einer neuer Strategie entschlossen: den offenen Übergang zu einem autoritären Regime wie sie in anderen muslimische Staaten schon seit längerem bestehen (siehe Pakistan). Erprobt ist in diesen Ländern, dass die Machthaber die Frage der islamistischen Kräften so manipulieren und den westlichen demokratischen Verbündeten (allen voran den USA) signalisieren: falls wir Herrschaft im Land verlieren, kommen radikale damit fundamentalistische Islamisten an die Macht. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sich das aserbaidschanische Imitations-Regime für ein Modell entschieden, welches schon seit Jahren in den zentralasiatischen Republiken (Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisitan, Turkmenistan) zum Vorbild vorgenommen wird.
Damit hoffen sie noch mindestens die kommenden 10 Jahre die Unterstützung der USA und der anderen westlichen Mächte zu bekommen, die sich schon heute wegen ihren Erdöl-Interessen mit diesem autoritären, durch und durch korrupten und verbrecherischen Regime ganz gut verständigen. – Nicht zuletzt durch diese Erfahrung sind die demokratischen Länder unter der Bevölkerung und zunehmend auch unter den Mitgliedern westlich orientierter oppositioneller politischer Parteien und unter der patriotischen Intelligenz in ihrem Ansehen sehr geschädigt. Die jahrelangen Hoffnungen auf eine wirkliche Demokratisierung und die Unterstützung westlicher Demokraten wurden enttäuscht und damit sank auch das Vertrauen zu ihnen auf einen Tiefpunkt! – Dies hat zweierlei Konsequenzen: einerseits treffen die Losungen der Islamisten immer mehr auf fruchtbaren Boden unter den Enttäuschten und sozial vom „Öl“ nicht Partizipierenden – und das verstehen anscheinend auch die Politiker in den europäischen Strukturen, teilweise auch die USA-Regierung, die versuchen „sanften Druck“ auf das Alievs-Regime ausüben. Andererseits scheinen gerade die radikalen Islamisten und die Drohung mit der Gefahr eines unkalkulierbaren Machtwechsels nach iranischem Vorbild eine Rettung für das Regime zu sein, da man hofft, dass sich der Westen in Anbetracht der Rohstoffsituation mit einem „kleineren Übel“ abfindet.

Gibt es tatsächlich in Aserbaidschan eine Gefahr radikaler Islamisierung?

Zunächst ist zu konstatieren, dass Aserbaidschan unter allen postsozialistischen Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung der Islam als religiöse Lehre und ein fundamentaler Islamismus am wenigstens verwurzelt sind. Deshalb erscheinen die Chancen für die Etablierung eines „islamischen Staates“ äußerst gering.

Allerdings ist zu konstatieren, dass – wie in allen postsowjetischen Republiken –eine „Rückbesinnung“ auf Religion als Bestandteil nationaler Identifikation erfolgte. Wie in anderen „muslimischen Republiken“ zeigte sich auch in Aserbaidschan in diesem Sinne eine Art „Re-Islamisierung“, die jedoch – trotz des Schiitentums – weder auf besonders radikale islamistische historische Traditionen zurückgriff noch radikal-politische Formen annahm.
Seit Mitte der 1990er Jahre verstärkte sich jedoch der politische Aktionismus der (im Zuge humanitärer Flüchtlingshilfe ins Land gekommenen) arabisch-islamischen Organisationen, und es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet der Wahhabismus auf fruchtbaren Boden unter der einheimischen Bevölkerung (zunächst unter den Flüchtlingen, ländliche Gebiete, heute vor allem Jugendliche zunehmend auch Intellektuelle) fiel. Dafür gibt es mehrere Gründe:
    Eine tiefe Enttäuschung über den Verrat demokratischer Werte (auch seitens westlicher Regierungen) in Aserbaidschan.
    Enttäuschung über einen neuen „Ausverkauf“ der Ressourcen des Landes („von den Sowjets zu den internationalen Konsortien“)
    Enttäuschung über die Partizipation einer Minderheit an den Milliardengewinnen („Arazy u. Nachitschewaner Clangruppe mit der Präsidentenfamilie an der Spitze).
    Diskreditierung der offiziellen islamischen Institutionen und ihrer Funktionäre in den Augen der Gläubigen. Die offiziell registrierte und staatlich kontrollierte Geistlichkeit diente ohne Ausnahme allen Regimen. Die Zusammenarbeit unter der Sowjetherrschaft mit den Geheimdiensten und das Ausmaß persönlicher Bereicherung von dem islamischen Würdenträger (Scheich ul-islam) sind allgemein bekannt und verachtet. Eine Mehrheit der offiziellen Geistlichen ist ungebildet. Sie kann weder durch Kompetenz noch als moderne moralische Instanz für Jugend als Vorbild dienen und wird oftmals verachtet. -  Dagegen sind religiöse Führer der wahhabitischen Bewegung (z.B. Imam Gamed Sulejmanov) gut an ausländischen islamischen Universitäten ausgebildet worden, sie gehen auf die Menschen zu, diskutieren offen und kompetent deren Alltagsfragen aber auch Fragen der Wirtschaft und Weltpolitik. Oftmals leben sie in einer moderaten Weise koranische Ideale vor, die anziehend sind. Über die „“Bruder-„ oder „Schwesternschaft“ werden soziale Netzwerke geknüpft, erfolgt eine Solidarisierung, die den ethischen Vorbilder einer Gleichheit entspricht, die völlig im Gegensatz zum moralischen Niedergang der Gesellschaft, zur Unmoral der Herrschenden, zur Prostitution von Macht steht. Die moralische Atmosphäre der Wahhabiten-Gemeinden wurde so zu einer „Oase“ mit zunehmender Anziehungskraft.

Vor diesem Hintergrund stellt sich nur die Frage, warum es nun zu einer Radikalisierung kommt oder kommen könnte:
Zweifelsfrei hat die Korruption in Aserbaidschan alle Sphären durchdrungen. Es gibt scheinbar keinerlei Nischen mehr für eine freie Willensäußerung geschweige einer Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen außerhalb des Machtapparates. Das absolute Machtmonopol der Regierenden ohne Chancen der Artikulation von Kritik und Interessen einer Bevölkerungsmehrheit fordert Gewalt heraus.

Allerdings gilt zu bedenken: Ungeachtet dessen, dass in den letzten Jahren die Zahl der Anhänger der Wahhabiten schnell gestiegen ist, hat sich die aserbaidschanische Bewegung von Anfang an unter Kontrolle der Machthaber befunden, und sie wäre momentan nicht in der Lage, aus eigener Kraft heraus irgendwelche landesweiten radikalen Schritte zu unternehmen.
Nach Aussagen von Informanten wurden die Strukturen von Sicherheitsleuten systematisch unterwandert, und die Geheimdienste sind gut über innere Abläufe und Pläne der Wahhabiten informiert. D.h. – auch wenn es in der Vergangenheit immer wieder Verhaftungen gab, die sicher eher Signalwirkung haben sollten – hatten die Machthaber die wahhabitische Bewegung bisher recht gut unter Kontrolle, um sie nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Da davon auszugehen ist, dass die wahhabitische Bewegung keine reale Gefahr für das Regime darstellt und zu vermuten, dass die jüngsten Ereignisse seitens der Machthaber im og. Sinne inszeniert wurden.

Was einzelne Vertreter der Al-Kaida in Aserbaidschan anbelangt, so können diese bekanntlich in jeden beliebigen Land der Welt auftauchen und unter der einheimischen Bevölkerung Anhänger zur Unterstützung ihrer Ziele anwerben. Allerdings gab und gibt es in Aserbaidschan keine Massenbasis für radikalen religiösen Extremismus.
Rasim Mirzayev

04.April 2008

 

 

4. April 2008 | Artikel, Kaukasus | Bookmark |
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